Mrs. Moore von der US Army erklärt den FWB-Gästen am zugemauerten Eingang der Pirschgänge deren Funktion.

Mrs. Moore von der US Army erklärt den FWB-Gästen am zugemauerten Eingang der Pirschgänge deren Funktion.

Vielen sind die Pirschgänge im Böblinger Wald unbekannt, da Sie im amerikanischen Sperrgebiet liegen. Dabei sind sie ein spannendes Zeugnis unserer Geschichte: Die Jagd im ausgehenden Mittelalter war ein Monopol des Adels. Die Bauern wurden zu Frondiensten verpflichtet und mussten das Wild in vorbereitete Gatter treiben. Dort wurden sie von den adligen Herrschaften niedergemetzelt – führende Muttertiere genauso wie Frischlinge und Kitze. Ein Zentrum für solche Jagden war das Jagdschloss in Böblingen, das lange Zeit nur benutzt wurde, wenn es im Böblinger Forst zum Jagen ging.
Herzog Alexander zu Württemberg war einer der ersten, die diese Jagdform nicht als sehr waidmännisch empfand. Er begann Anstände zu bauen, um das Wild gezielt ansprechen zu können und zu vermeiden, dass Muttertiere und der kleine Nachwuchs dem Jagdtrieb seiner Gäste zum Opfer fielen. Aber er lernte sehr schnell, dass er oft mit seinen Gästen auf dem falschen Stand war. Sei es, das die Hirsche einfach woanders waren oder sei es, dass der Wind wechselte und sie die adlige Witterung mitkriegten.
Im Jahre 1737 entschloss er sich, die Ansitzeinrichtungen, die sich im heutigen Übungsgelände der US-Army befanden, mit unterirdischen Pirschgängen zu verbinden. So entstand ein Netzwerk von Gewölben mit Ausgängen zu den Jagdständen. Herzog Alexander konnte so unbemerkt vom Wild seinen Standort wechseln. Er baute mit Hilfe des Oberforstmeisters Schauroth und des Baumeisters Nikolaus Kraft östlich von Böblingen verzweigte Pirschgänge mit einer Gesamtlänge von mehr als 1000 m, deren Reste heute noch zu sehen sind. Leider sind sie vom Bund, dem heute dieser Wald gehört nur zu einem kleinen Teil restauriert worden. Dieser Wald ist heute abgesperrtes Gelände der US Army. Aber das amerikanische Verbindungsbüro ist äußerst hilfreich, wenn Besuchergruppen außerhalb der Übungszeiten der Soldaten das Gelände besuchen wollen. Es ist hochinteressant, diese Pirschgänge, die ursprünglich alle rund 2 m hoch waren und oben mit einem Gewölbe abschlossen, zu besichtigen. Es sind, zusammen mit den Pirschgängen in der Nähe von Jena, weltweit die einzigen Jagdeinrichtungen dieser Art.

Organisator Peter Kirn

Organisator Peter Kirn

Die Freien Wähler wollten diesen historischen Platz unter der Organisation von Kreisjägermeister Peter Kirn und in Begleitung des Fraktionsvorsitzenden Daniel Wengenroth sowie anderer FWB Stadträte, einer größeren Gruppe von Bürgern näher bringen. Fast 40 Bürger folgten der Einladung. Mrs. Moore, Amerikanerin mit exzellenten Deutschkenntnissen und verantwortlich für die Zusammenarbeit der Amerikaner mit der deutschen Bevölkerung, führte die Gruppe mit großem Fachwissen durch das Gelände. Begleitet wurde die Gruppe der Interessierten auch von Erich Kläger, dem früheren Kulturamtsleiter der Stadt Böblingen und nebenberuflichen Hobby-Archäologen. Er hat bereits mehrere Bücher über die Geschichte der Stadt Böblingen und besonders über das Schloss, den Böblinger Wald und insbesondere über die historischen Pirschgänge geschrieben, so dass er mit exzellentem Detailwissen die Situation im 18. Jahrhundert in Böblingen darstellen konnte. Mit dabei war auch Herr Andreas Ganz, Förster beim Bundesforst, der dieses Waldgebiet.
Dieser Ausflug in die Geschichte von Böblingen soll keine Einzelaktion bleiben. Die Freien Wähler haben sich vorgenommen, in der nächsten Legislaturperiode alle Beteiligten – Bund, Land, Landkreis, Stadt Böblingen und Denkmalamt – an einen Tisch zu bringen, damit dieses einmalige Zeugnis unserer Vergangenheit nicht nur zu erhalten wird, sondern möglichst soweit wieder hergestellt wird, dass es auf einem Großteil der ganzen Länge begannen werden kann. Aktuell ist die Sanierung überfällig und die letzten erhaltenen Meter der Pirschgänge beginnen zu zerfallen.


Druckansicht dieses Artikels Druckansicht dieses Artikels
Keine Events eingetragen